07.10.2019

Unser Mann im Silicon Valley

Bild Urs Hölzle

Google prescht vor beim Cloud-Computing. Der Schweizer Urs Hölzle leitet diesen Vorstoss. Im Gespräch mit Stefan Betschon verrät er, wie er einen Standard schaffen will, der definiert, was die Cloud ist.

Die Geschichte von Google begann, als die beiden Firmengründer – Larry Page und Sergey Brin – ihr Projekt aus ihrer Studentenbude an der Stanford University in eine Garage in Menlo Park zügelten, erste Investoren fanden und erfahrene Informatiker wie Urs Hölzle als Mitarbeiter gewinnen konnten. Das war im Sommer 1998.

Urs Hölzle, wie haben es die beiden jungen Studenten damals geschafft, Sie zu überzeugen? Sie waren in dieser Garage der Erwachsene, Sie hatten als Computerunternehmer und auch als Computerwissenschafter bereits viel erreicht.
Ich war damals schon seit ein paar Jahren Assistenzprofessor an der University of California in Santa Barbara. Doch ich wollte weg von der Uni, weil mein Lebenszentrum im Silicon Valley war. Hier lebte meine Frau, die an der Stanford University ihren Abschluss machte, und hier war der Sitz einer von mir gegründeten Software-Firma. So kam es, dass ich häufig im Flugzeug sass und zwischen Süd- und Nordkalifornien hin und herpendelte. Das fand ich mit der Zeit mühsam. Ich wollte mir eine Auszeit nehmen, kam dann durch Zufall zu Google. Dieses Projekt hat mich sofort begeistert. Das war ein technisch interessantes Projekt, und vor allem waren die paar Leute, die damals diese Firma ausmachten, interessant. Anfangs dachte ich, ich bleibe ein Jahr, bis meine Frau ihr Studium abgeschlossen hat. Dann würden wir nach Europa zurückgehen. So fing das an.

Haben Sie je bereut, dass Sie Ihre akademische Karriere aufgegeben haben?
Nein, das habe ich nie bereut. Mein Job bei Google fühlt sich ein bisschen an, als wäre ich an einer Uni. Es gibt hier eine intellektuell stimulierende Umgebung. Wir haben viele hochqualifizierte Mitarbeiter und probieren laufend neue Sachen aus. Hingegen haben wir mehr Möglichkeiten als an einer Uni. Wir haben mehr Leute, mehr Ressourcen, und vor allem haben wir es mit Problemen zu tun, die für die Praxis relevant sind. Ich kann hier mehr erreichen, als ich es könnte, wenn ich Professor wäre.

Kann die universitäre Forschung im Bereich der Informatik überhaupt noch mit den Privaten mithalten? Ist es ein Problem, wenn die computerwissenschaftliche Forschung privatisiert wird?
Ich glaube nicht, dass die Gefahr besteht, dass die Forschung privatisiert wird. Solche Befürchtungen haben wir schon diskutiert, als ich Anfang der 1990er Jahre in Stanford meine Dissertation vorbereitete. Diese Universität leistete sich damals noch eine eigene Chipfabrikation. Doch die Halbleiterfertigung wurde rasch teurer, bald konnten die Universitäten nicht mehr mithalten.

Mussten Sie deshalb auf Forschungsaktivitäten im Bereich Prozessorarchitektur verzichten?

Nein. Man konnte zwar keine Halbleiterprodukte mehr machen, aber man konnte Ideen entwickeln und
sie mithilfe von Simulationen überprüfen. Viele Innovationen, die heute in der Halbleitertechnik wichtig sind, kommen aus der akademischen Welt. Auch bei der Software-Entwicklung können die Universitäten heute mit privaten Firmen mithalten. Dank dem Cloud-Computing müssen sie kein grosses Rechenzentrum selber aufbauen. So haben die jüngsten technischen Entwicklungen die computerwissenschaftliche Forschung an den Universitäten erleichtert. Dazu kommt: Viele Firmen machen es so wie Google und publizieren die Resultate ihrer Forschungsabteilungen.

Ihre Berufskarriere umfasst viele Stationen: Sie haben sich mit programmiertechnischen Problemen beschäftigt, Sie haben sich aber auch bei Google um die Hardware gekümmert, um die Konfiguration von Server-Computern, um den Aufbau von energieeffizienten Rechenzentren. Hat Sie das ETH-Studium gut für diese beruflichen Herausforderungen vorbereitet?
Ich bin vor gut 30 Jahren fertig geworden an der ETH Zürich, ich habe damals wenig gelernt, was heute noch direkt für die Praxis relevant wäre. Aber die Grundlage, die diese Ausbildung schuf, war gut, sie ermöglichte es mir, Jahr für Jahr Neues zu lernen.

Würden Sie wieder Informatik studieren?
Ja, ganz klar. Aber nicht nur, weil mich die Informatik für sich genommen interessiert. Informatik ist eine Hilfswissenschaft, es braucht sie in der Chemie, in der Biologie, in der Pharmabranche, bei den Banken. Wer Informatik studiert, kann das mit anderen Interessen verbinden. Das macht den Beruf interessant, weil man sich nicht auf ein einzelnes Gebiet beschränken muss.

Was sind die wichtigsten Basisinnovationen, die in jüngster Vergangenheit die Computerwelt verändert haben?
Open-Source-Software hat alles verändert. Das ist ein wichtiger Trend. Als ich studierte, gab es am Massachusetts Institute of Technology Software-Aktivisten, die sich für freie Software engagierten. Man hielt sie für Spinner. Doch inzwischen ist freie Software, die im Quelltext in veränderbarer Form verfügbar ist, sehr wichtig. Und ich glaube, dass die Bedeutung von Open-Source-Software durch das Cloud-Computing weiter verstärkt wird. Denn jetzt kann man diese Software als Service nutzen, ohne selber am Quelltext herumzubasteln. Das ist auch der Ansatz, den wir bei Google mit Anthos verfolgen. Anthos ist Open-Source-Software. Der Quelltext ist offen. Aber man muss sich darum nicht kümmern, man kann die Fähigkeiten dieser Software als Dienstleistung von uns beziehen. Open-Source-Software ist wichtig und wird noch wichtiger werden. Die zweite wichtige Basisinnovation ist das Cloud-Computing. Dadurch lassen sich viele Sachen vereinfachen. Und der dritte wichtige Trend ist Machine-Learning. Hier sind seit sieben, acht Jahren gewaltige Fortschritte passiert. Es ging alles sehr schnell. Dieser Ansatz wurde bereits in den 1980er und 1990er Jahren ausprobiert. Es hat damals nicht funktioniert, weil man nicht genügend Trainingsdaten hatte. Jetzt sind Sachen realisiert worden, die man noch vor wenigen Jahren für unmöglich hielt. Auch Experten wurden überrascht, beispielsweise im Bereich der Bilderkennung.

Google hat vor einem Jahr eine Forschungsarbeit vorgestellt, die Hoffnung darauf machte, dass sich Rechenzentren mithilfe von künstlicher Intelligenz effizienter betreiben lassen. Rechenzentren verbrauchen sehr viel Energie, und ein grosser Teil davon wird für die Kühlung aufgewendet. Sie haben sich persönlich immer wieder für effizientere Rechenzentren engagiert. Kann die künstliche Intelligenz hier helfen?
Ja, die Hoffnungen haben sich erfüllt, Machine-Learning hat sich in den Rechenzentren durchgesetzt. Wir sind jetzt daran, diese Erkenntnisse auch für Klimaanlagen ausserhalb der Rechenzentren fruchtbar zu machen. Die sind typischerweise falsch eingestellt. Doch mit Machine-Learning kann man das optimieren. Wir konnten eine Verbesserung von 40 Prozent erreichen.

Als Anbieter von Cloud-Computing-Dienstleistungen ist Google ein Nachzügler. Jetzt haben Sie eine Aufholjagd gestartet. Sie haben die Prognose gewagt, dass Google dereinst mit Cloud-Dienstleistungen mehr Geld verdienen werde als mit Online-Werbung. Wie wollen Sie Mitbewerbern wie Amazon oder Microsoft Marktanteile wegschnappen?

Cloud-Computing ist bei Google das Projekt Nummer eins. Unsere Anthos-Software gibt uns die Chance, die Mitbewerber zu überholen. Das passiert vielleicht nicht in diesem Jahr, aber vielleicht im nächsten. Noch immer sind 80 bis 90 Prozent der IT-Ressourcen noch nicht in die Cloud verlagert worden. Die Entwicklung hin zum Cloud-Computing ist noch sehr jung. Aber es ist heute allen klar: Es führt kein Weg an der Cloud vorbei. Heute fragen sich viele IT-Verantwortliche: Soll ich mich für die Microsoft-Cloud entscheiden, oder brauche ich die Amazon-Cloud? Sie denken, das sei die wichtigste Entscheidung. Doch diese Denkweise ist veraltet. In den 1990er Jahren war es so, dass die Wahl eines Hardware-Lieferanten auch die Software-Ausstattung bestimmte. Da gab es die HP-Version eines Unix-Betriebssystems und die dazu passende Datenbank Software, oder es gab die Sun-Version eines Unix-Systems mit einer anderen Datenbank. Heute entscheidet man sich für Linux und MySQL, und auf welcher Hardware diese Open-Source-Software läuft, spielt keine Rolle. Die Hardware kann man jederzeit auswechseln. In der Cloud ist diese Öffnung noch nicht passiert. Bald soll es so sein, dass der Entscheid für Anthos keine Abhängigkeiten von einem Lieferanten schafft. Es spielt keine Rolle, was unterhalb von Anthos läuft, Google-Cloud oder Amazon-Cloud oder was auch immer. Wir möchten einen offenen Standard schaffen, der für die nächsten 20 Jahre definiert, was die Cloud ist. Die Standardisierung ist wichtig, damit im Enterprise-Computing wieder Innovationen möglich werden.

Vielen europäischen Informatikverantwortlichen macht die amerikanische Cloud Act Bauchweh. Wie können die Kunden von Google sicher sein, dass die Daten den regulatorisch vorgegebenen Rechtsraum nicht verlassen?
Es gibt seit kurzem mit der Google-Cloud-Platform in Zürich für Schweizer Kunden eine schweizerische Lösung. Das ist eines von weltweit 20 regionalen Angeboten. Die Präsenz vor Ort hat nicht nur technische Vorteile, sondern klärt auch die juristische Situation.

Sie haben Google vor 15 Jahren nach Zürich gebracht. Inzwischen ist Zürich der grösste Forschungsstandort von Google ausserhalb des Silicon Valley. Knapp 4000 Leute arbeiten hier für Google. Sind Sie mit der Entwicklung, die hier passiert ist, zufrieden?
Dass Google hier so gross geworden ist, war nicht geplant. Der hiesige Standort hat sich entwickelt, weil eine organische Entwicklung möglich war, weil es hier die richtigen Rahmenbedingungen gab. Google Zürich wurde grösser als die anderen Standorte, weil es hier besser funktioniert hat als anderswo.


von:  Stefan Betschon - Neue Zürcher Zeitung


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