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28.10.2015

Wirtschaft wächst dank Digitalisierung

Das Wirtschaftswachstum der letzten Jahre geht in erheblichem Mass auf die Digitalisierung zurück. Dies zeigen Studien zur EU und den USA. Die Schweiz ist gut aufgestellt.

Durch den Prozess der Digitalisierung werden Informationen zunehmend digital gespeichert und verbreitet: Das Buch wird zum E-Book, die Zeitung lesen wir auf dem Smartphone, und viele Markttransaktionen finden heute im Internet statt. Die der Digitalisierung zugrunde liegende Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) ist als sogenannte Basisinnovation einzustufen. Solche grundlegende Neuerungen – wie etwa die Dampfkraft oder die Elektrizität – gestalten Gesellschaft und Wirtschaft tiefgreifend um. Im Zuge der Digitalisierung kam es vor diesem Hintergrund zu erheblichen Veränderungen in der Musik- und der Fotoindustrie, dem Handel, der Kommunikationsbranche oder jüngst auch im Taxigewerbe. Derartige Umwälzungen lösen häufig Unbehagen und Abwehrreaktionen aus, wie etwa die Protestaktionen von Taxifahrern in verschiedenen Städten der Welt gegen den Fahrdienstvermittler Uber illustrieren. Wie bei jedem strukturellen Wandel ist es gerade im Hinblick auf den Arbeitsmarkt zentral, wie viel Zeit für die Anpassungen zur Verfügung steht. Was bedeutet der durch die Digitalisierung ausgelöste Veränderungsprozess nun für die Wirtschaftspolitik der Schweiz?

Investitionen und Produktivitätssteigerung
Zunächst beeinflussen die tiefgreifenden Umwälzungen der Digitalisierung das Wirtschaftswachstum. Vereinfacht gesagt kann eine Volkswirtschaft auf zwei Arten wachsen: Entweder wird der Einsatz von Arbeit und Sachkapital erhöht, oder die vorhandenen Ressourcen werden effizienter genutzt, wodurch die Produktivität ansteigt. So können Innovationen, der technische Fortschritt oder eine bessere Ausbildung der Arbeitskräfte zu einer effizienteren Verwendung der vorhandenen Ressourcen führen. Die Digitalisierung kann das Wirtschaftswachstum demnach über zunehmende Investitionen in Sachkapital wie Software, Server und Netzwerke, einen Produktivitätsanstieg in der ICT-Produktion aufgrund des raschen technischen Fortschritts sowie über eine Produktivitätszunahme durch die Nutzung von ICT in den verschiedensten Industrie- und Dienstleistungszweigen beeinflussen.

Eine Studie für Deutschland zeigt: Die zunehmende Nutzung von ICT zwischen 1998 und 2012 hat gut ein Drittel zum Wertschöpfungswachstum im Nachbarland der Schweiz beigetragen. Auch eine Untersuchung für die EU und die USA für die Jahre 1995 bis 2007 kommt zu ähnlichen Schlüssen. In der EU stand in diesem Zeitraum ungefähr ein Drittel des Wachstums des Bruttoinlandprodukts (BIP) im Zusammenhang mit der Digitalisierung; in den USA waren es sogar rund 40 Prozent. Dabei waren Investitionen in ICT sowie die Erhöhung der Produktivität in der ICT-Produktion hauptverantwortlich für den Anstieg. Produktivitätsgewinne durch den Einsatz digitaler Technologien spielten hingegen eine etwas weniger wichtige Rolle. Eine Zunahme der Produktivität durch die Nutzung von ICT kann etwa dank der Automatisierung von Produktionsprozessen sowie dank der Reorganisation ganzer Wertschöpfungsketten entstehen. Auch neuartige Geschäftsmodelle (insbesondere Internetplattformen), ein relativ schnelles Wachstum (dank der Nutzung des Internets als Absatzkanal) oder neue Erkenntnisse aus der Datenanalyse tragen dazu bei. Solche Effekte sind allerdings schwierig zu quantifizieren, und ihre Bedeutung ist in der ökonomischen Literatur bis heute umstritten.

Digitalisierung als Wachstumstreiber in der Schweiz
Für die Schweiz liegt bisher keine umfassende Studie zu den gesamtwirtschaftlichen Effekten der Digitalisierung vor. Allerdings ergeben Berechnungen der OECD für die Jahre 1995 bis 2013: Alleine die Investitionen in ICT-Sachkapital haben dem BIP der Schweiz im Mittel zu einem Wachstum von jährlich 0,4 Prozentpunkten verholfen. Das Bundesamt für Statistik rechnet für die Jahre 1998 bis 2012 mit einem Wachstumsbeitrag des ICT-Sektors zum BIP von durchschnittlich 0,3 Prozentpunkten. Auch diese Herangehensweise erfasst jedoch nur einen Teil der Wachstumseffekte der Digitalisierung, da die Auswirkungen in denjenigen Branchen, die nicht dem ICT-Sektor zugeordnet sind, ausgeblendet werden. Es kann folglich davon ausgegangen werden, dass die Wachstumseffekte des digitalen Wandels auch in der Schweiz substanziell sind. In diesem Zusammenhang ist es erfreulich, dass die Schweiz in verschiedenen Rankings, welche die Voraussetzungen von Wirtschaftsstandorten im Hinblick auf die Digitalisierung vergleichen, einen der vordersten Plätze einnimmt.

Staat muss günstige Rahmenbedingungen schaffen
Aufgrund der zentralen Bedeutung der Digitalisierung für das Wirtschaftswachstum stellt sich die Frage, welche Rolle dem Staat in diesem Umwandlungsprozess zukommt. Verschiedene europäische Länder haben in den letzten Jahren teilweise gross angelegte Programme zur digitalen Transformation vorgestellt. Und im Mai dieses Jahres hat die EU-Kommission ihren Bericht zum Aufbau eines digitalen Binnenmarkts publiziert.

Auch in der Schweiz fördert der Bundesrat die Informationsgesellschaft. Bezüglich der Wirtschaft schreibt er: «Der Bund schafft günstige Rahmenbedingungen für die Nutzung von ICT in allen geografischen Regionen sowie in allen Wirtschaftsbereichen […].» Dieser Fokus auf die allgemeinen Rahmenbedingungen basiert auf der Überzeugung, dass der Staat nicht direkt ins Wirtschaftsleben eingreifen, sondern möglichst optimale Spielregeln für die privaten Akteure setzen soll. Gerade vor dem Hintergrund der grundlegenden Bedeutung der ICT sowie eines sich schnell verändernden Umfelds ist eine gezielte Förderung einzelner Branchen, Unternehmen oder Technologien nicht ratsam.

Zu den wirtschaftsfreundlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz zählen eine grosse unternehmerische Freiheit, Rechtssicherheit, gut qualifizierte Arbeitskräfte, ein flexibler Arbeitsmarkt, hochwertige Infrastrukturen, einenachhaltige Fiskalpolitik, eine relativ moderate Steuerbelastung sowie eine hohe Lebensqualität. Der Erhalt (beziehungsweise die Verbesserung) dieser Rahmenbedingungen für die unternehmerische Tätigkeit ist ein zentrales Anliegen der Wirtschaftspolitik. Daran dürfte sich durch die Digitalisierung kaum etwas ändern. Damit die Schweiz das wirtschaftliche Potenzial des digitalen Wandels optimal ausschöpfen kann, sind folgende Teilbereiche von besonderer Bedeutung:

  • Bildung und Weiterbildung. Die Qualifikationen der Arbeitnehmer müssen möglichst mit den Anforderungen einer zunehmend digitalen Welt übereinstimmen.
  • Forschungsumfeld. Die Schweiz kann einen Spitzenplatz bei der Erforschung der technologischen Möglichkeiten der Digitalisierung und darauf aufbauender Anwendungen einnehmen (etwa beim 3-D-Druck).
  • Datenschutz. In Bezug auf die neuen technologischen Möglichkeiten und den damit verbundenen Anstieg an gespeicherten Personendaten muss Rechtssicherheit bestehen.
  • Leistungsfähige und sichere ICT-Infrastrukturen. Diese sind gewissermassen das Rückgrat der digitalen Welt. Der Betrieb und der Ausbau solcher Infrastrukturen erfolgen in der Schweiz primär marktgetrieben. Dennoch kommt der staatlichen Regulierung im Bereich dieser Netzwerkinfrastrukturen aufgrund ihrer zentralen Bedeutung für den digitalen Wandel ein hoher Stellenwert zu. Dabei sollten eine möglichst flächendeckende Versorgung und ein möglichst offener Zugang zu den Infrastrukturen angestrebt werden.

Schliesslich sollten der digitale Wandel und die sich daraus ergebenden Chancen nicht durch vorschnelle Regulierung beeinträchtigt werden. Staatliche Regulierung sollte insbesondere nicht dazu führen, dass herkömmliche Technologien oder traditionelle Geschäftsmodelle bevorzugt werden und diese dadurch mögliche Innovationen behindern. Spezifische Handlungsfelder für Bund, Kantone und Gemeinden im Zusammenhang mit der Digitalisierung sind in erster Linie bei den elektronischen Behördendiensten auszumachen. Der Bundesrat hat hierfür eine E-Government-Strategie verfasst. Sie hat zum Ziel, dass sowohl die Wirtschaft wie auch die Bevölkerung Geschäfte mit den Behörden – von Adressänderungen bei den Einwohnerdiensten bis zur Abwicklung von Zollformalitäten – elektronisch abwickeln können.
Lesen Sie hier den gesamten Artikel.


von:  Markus Langenegger


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