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08.07.2016

"Löst das Problem mit Brüssel"

Gerd Folkers, der neue Präsident des Schweizerischen Wissenschaftsrats, möchte dem renommierten Gremium zu mehr Einfluss verhelfen. Wissenschaftspolitisch prioritär seien die internationalen Beziehungen.

Herr Folkers, Sie treten einen Posten an mit grossem Renommee …
… sind Sie sicher?

Ja: mit grossem Renommee, aber wenig Wirkung. Die Stimme des Wissenschaftsrats wird kaum mehr gehört, schon gar nicht vom Bundesrat.
Einverstanden.

Wie möchten Sie das ändern?
Mit "Laufdiplomatie": Ich werde wöchentlich einen Tag in Bern präsent sein und mit Leuten der Verwaltung, des Nationalfonds und des Parlaments über die wissenschaftspolitischen Baustellen reden, um ihre Einschätzungen und Meinungen zu hören, quasi um die Temperatur zu messen. Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden. Die Probleme liegen ja offen auf dem Tisch: Finanzierung des Wachstums, ökonomischer Druck sowie Fälschung und Betrug, Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses, akademische Karriere der Frauen …

Schon länger fordert der Wissenschaftsrat bessere Karrierebedingungen für den Nachwuchs.

Es gibt Probleme, die lassen sich nicht abschliessend lösen, weil sich die Kontexte so schnell ändern. Wir müssen sie immer wieder thematisieren, etwas anderes bleibt uns nicht, wie bei der Tumorbekämpfung oder der Impfung. Und es gibt komplexe Probleme, zu denen der Wissenschaftsrat einen "Aber-Rat" geben kann: Ja, man muss dieses und jenes tun, aber auch die ethische, ökonomische, juristische und weitere Dimensionen berücksichtigen und abwägen.

Will die Politik diese Art von Rat hören?
Sie hat keine andere Wahl. Es gibt auch die eindeutigen Fälle: Ja, man soll Präimplantationsdiagnostik machen. Ja, die Schweiz soll sich am europäischen Superlaser ELI beteiligen. Der Rat sagt die wissenschaftlich feststellbare Wahrheit, er macht keine Wissenschaftspolitik. Entscheiden muss die Politik. Ich hoffe, dass die Parlamentarier uns vermehrt um unseren Rat bitten werden. Dazu müssen wir weiter unsere Visibilität verbessern.

Wenn Sie dem versammelten Bundesrat einen Rat geben könnten, den dieser befolgte: welcher wäre es?
Wenn ich unverschämt wäre, würde ich mich auf das Gesetz der idealen Abfolge berufen: Nachdenken, bevor man handelt. Im Ernst: Ich kann dem Bundesrat keinen allgemeinen Rat geben.

Welcher Rat wäre prioritär?
Das Aufrechterhalten der internationalen Beziehungen. Die wissenschaftliche Erkenntnis schert sich nicht um nationale Grenzen, das Wissen fliesst global. Der Rat wäre also: Löst das Problem mit Brüssel! Aber das ist so trivial wie dringend.

Die Mehrheit des Parlaments sieht das nicht so.
Dann argumentiere ich so: Ist es sinnvoll, in diesem Land alles nochmals zu erfinden, was andernorts bereits gedacht und erfunden wurde? Nein. Die Schweiz darf sich nicht isolieren, weil sie sonst nicht mehr vom Wissen profitiert, das andernorts gewonnen wurde – und umgekehrt.

Seit der Terrorkrise fokussiert die Politik vermehrt auf Polizei und Überwachung. Die Geisteswissenschaften könnten die Entstehung des Terrorismus erklären. Ein Fall für den Wissenschaftsrat?
Sicher. Bis jetzt habe ich in den Zeitungen bedauerlicherweise kaum schlaue Analysen zum Terror gelesen. Man kann ganz einfach und provokativ fragen, wie die Bedrohungslage abzuwägen ist, beispielsweise gegenüber internen Risiken, mit denen wir konfrontiert sind, etwa der durch mangelhafte Hygiene hervorgerufenen Todes-fälle in Spitälern. Die Geistes- und Sozialwissenschaften sind gefragt. Sie können beides erhellen: die Motivationen der Täter sowie die Reaktionen der Gesellschaft, welche die Sicherheitsfrage priorisiert.

Der Originalartikel erschien in Horizonte Nr. 108 (März 2016), dem
Forschungsmagazin des Schweizerischen Nationalfonds und der
Akademien der Wissenschaften Schweiz.


von:  Urs Hafner


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