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10.12.2015

«Ein riesiges neues Geschäftsfeld»

Der Schweizer Urs Hölzle ist Chef der Google-Infrastruktur. Er will mit Cloud-Computing in fünf Jahren so viel verdienen wie mit Werbung: Milliarden. Wie er das schaffen will, sagt er im Interview.

NZZ am Sonntag: Wenn ein Schweizer Gmail, also den Mail-Dienst von Google nutzt – wo sind dann seine Daten abgelegt?

Urs Hölzle: Die meisten in Europa. Wir speichern Daten in der Nähe der Nutzer, damit die Dienste schneller laufen. Gewisse Daten sind aber global und lassen sich nicht einfach lokal isolieren. Viele Systeme wären eingeschränkt, wenn man nur innerhalb eines Kontinents kommunizieren könnte.

Können Firmenkunden verlangen, dass ihre Daten nur noch in Europa gespeichert werden?

Bei unserer Cloud-Plattform ist dies bereits vollständig umgesetzt. Dort wählen Sie selbst, wo Ihre Daten hinkommen. Sie haben die vollständige Kontrolle darüber.

Das Datenschutz-Abkommen zwischen EU und USA ist nicht mehr gültig. Wird Google ab Februar Daten nur noch in Europa speichern?
Das kann man jetzt noch nicht sagen. Wir hoffen, dass es bis Februar zu einer konstruktiven Einigung kommt, die es ermöglicht, den Betrieb gemäss den europäischen Richtlinien weiterzuführen. Davon sind über 4000 Firmen betroffen.

Sie wollen bis 2020 mit Cloud-Lösungen mehr Umsatz machen als mit Werbung. Wie können Sie das schaffen?
Als Leiter des Bereichs ist es mein Ziel, dass Google bis 2020 stärker als Cloud- denn als Werbe-Firma wahrgenommen wird. Das ist keine genaue Vorhersage, sondern als Ambition gemeint. Aber es ist ein durchaus realistisches Ziel. Der globale IT-Markt ist weit über 1000 Mrd. $ gross. Weil viel davon Verschwendung ist, die man mit der Benutzung von Cloud-Diensten beheben könnte, wird der Markt bis in zehn Jahren schrumpfen. Trotzdem sind es Wahn­sinns­zahlen, die sehr grosse Umsätze ermöglichen.

Ihr Ziel erreichten Sie auch, wenn der Werbeumsatz bis 2020 stark einbrechen würde . . .

Unser Chef Larry Page sagt immer, dass es zwei Wege zu meinem Ziel gebe. Ich meine aber den guten. Mit unseren Resultaten müssen wir uns nicht verstecken.

Amazon hat einen Marktanteil von 29%. Wieso liegt Google mit 6% so stark zurück?
Amazon hat früher angefangen. Was sie extern verkauft haben, haben wir intern gemacht. Aber der Vorsprung ist relativ. Nehmen Sie 2008: Das iPhone war gerade ein Jahr alt und 20 Mio. Mal verkauft. Android gab es noch gar nicht. Heute ist die Situation ähnlich: Auch Cloud-Plattformen sind eine völlig neue Produktekategorie, und 97% der Kunden haben noch keine Wahl getroffen. Wir nehmen uns also nicht gegenseitig Kunden weg, sondern es geht um ein riesiges neues Geschäftsfeld. Wie bei Smartphone-Systemen wird die Firma gewinnen, die das bessere, innovativere Produkt hat. Und vor allem das offenere. Wie bei Android setzen wir auf Open Source. Wir glauben, dass künftig ein grosser Teil von Software auf offenen Schnittstellen geschrieben wird und nicht auf geschlossenen Systemen.

Google ist fürs Datensammeln bekannt. Vertrauen Ihnen Firmenkunden deshalb weniger?
Wir trennen das Geschäft für Firmenkunden rechtlich wie auch praktisch völlig von Suche oder Werbung. Viele Firmen setzen auf unsere Cloud-Lösungen – Facebook zum Beispiel auf Gmail. Niemand bei Google liest Ihre E-Mails. Wir könnten uns das gar nicht leisten. Es wäre illegal und das Ende unseres Geschäfts. Die Daten in der Cloud gehören den Kunden. Sie können diese mit ihrem eigenen Schlüssel verschlüsseln, den wir nicht kennen. Vor einer Woche haben wir angekündigt, dass wir das Cloud-Geschäft in einen separaten Bereich ausgliedern.

Firmenmails werden also nicht vom Werbealgorithmus durchforstet?
Nein. Lediglich von automatischen Spam- und Virenfiltern.

Schweizer Firmen wie Roche, Holcim, Tamedia oder Ringier setzen auf Dienste wie Gmail oder Google Docs. Verstehen Sie, dass sie deswegen kritisiert werden?
Wir haben starke Beweise dafür, dass Gmail und unsere Apps weltweit zu den allersichersten Anwendungen gehören. Hacker erhalten Belohnungen, wenn sie Fehler finden. Wenn die NZZ ihre E-Mail-Server selbst betreibt, kann ich absolut garantieren, dass sie schlechter dran ist als mit Gmail. Sicherheit zu gewährleisten, ist sehr schwierig: Ich habe über 500 IT-Sicherheitstechniker, die zu den Allerbesten gehören. Gmail ist kein Kompromiss. Niemand muss sich dafür entschuldigen.

Also können nur grosse Cloud-Konzerne Sicherheit garantieren?
Selbst motivierte und erfolgreiche Firmen wie etwa die NZZ haben eigentlich fast keine Chance, ihre IT sicher zu betreiben. Das ist ein Riesenproblem. Nur 1% der Firmen hat eine einigermassen gute IT-Sicherheit. Renommierte Konzerne werden von Hackern angegriffen, nicht weil sie unvorsichtig sind, sondern weil Sicherheit unglaublich kompliziert ist. Die Cloud bietet hier 100 Mal mehr Sicherheit. Dadurch kommen auch kleine Firmen mit bescheidenem Aufwand auf Sicherheit auf Bankenniveau. 2020 wird jeder wissen, dass es von einem Sicherheitsstandpunkt unverantwortlich ist, nicht auf einer Cloud-Plattform zu sein.

Im August schlug ein Blitz in ihr Rechenzentrum in Belgien ein, der zu Datenverlust geführt hat. So sicher ist Ihre Cloud also doch nicht?
Das war das erste Mal in 15 Jahren. Ich hoffe dass es in den nächsten 15 Jahren nicht mehr passiert. Der Datenverlust war nur lokal und nicht global. Für das gibt es Backups. Die Daten waren für eine Zeit nicht verfügbar, weil einige Harddisks kaputt gegangen sind. Am Ende lag es an einem Software-Fehler und nicht am Blitz. Weder Geschäftskunden noch private Gmail-Nutzer haben Daten verloren. Das zeigt noch einen Vorteil der Cloud: Hätte der Blitz ins NZZ-Gebäude eingeschlagen, dann wären Sie mehrere Tage ausser Betrieb gewesen. Mit der Cloud ist das fast nicht vorstellbar.

Haben die Enthüllungen von Snowden ihrem Verantwortungsbereich, der Infrastruktur, geschadet?
Die Enthüllungen haben gezeigt, wie wichtig Sicherheit und Verschlüsselung im Netz sind. Danach haben wir mit sehr grossem Aufwand innert drei Monaten unsere Verschlüsselung auf 100% hochgefahren. Unserer Meinung nach hat der Staat etwa nach Terroranschlägen durchaus das Recht auf gewisse Daten zuzugreifen, aber dann muss er mit einem Gerichtsentscheid durch den Haupteingang kommen. Er darf nicht wahllos abhören. Bei uns gibt es keine Hintertüre. Vom Technischen her schauen wir sehr stark darauf, dass es keinesfalls möglich ist, unbeschränkt auf Ihre E-Mails oder Ihre Suchen zuzugreifen. Was Sie uns anvertrauen, ist zwischen Ihnen und uns und niemand anders – weder Regierung noch Geheimdienst. Wir haben die US-Regierung verklagt, um veröffentlichen zu können, wie oft die Behörden die Herausgabe von Nutzerdaten verlangt hat. Im letzten Jahr waren das etwa 2000 Mal. Das ist wenig im Vergleich zu den Konten, in die täglich eingebrochen wird, weil die Leute ein schlechtes Passwort wählen oder keine Zwei-Faktor-Authentifizierung verwenden. Dieses Problem ist 10 000 Mal grösser.

Verschlüsselung wird von der US-Regierung kritisiert. Muss sie unknackbar sein?
Ja. Auf den verschlüsselten Datenverkehr zwischen unseren Rechenzentren kann kein Geheimdienst zugreifen. Eine knackbare Verschlüsselung ist sinnlos, weil sie zu nichts mehr dient. Sie ist ein Widerspruch in sich.

Greift der Geheimdienst NSA nicht direkt auf Daten auf Google-Servern zu?
Das hat die NSA bei uns garantiert nie getan. Es ist technisch gar nicht möglich.

Selbst wenn es so wäre, könnten Sie es wegen der höchsten Geheimhaltung nicht zugeben.
Jein. Es war ja früher nicht einmal erlaubt, zu sagen, ob man angefragt wurde. Das war unhaltbar und widersprach den Grundrechten. Nach einer Klage gegen die US-Regierung können wir nun immerhin die ungefähre Anzahl der betroffenen Konten nennen. Diese publizieren wir alle sechs Monate in unserem Transparenzbericht.

Anfang Dezember hat Google angekündigt, den Strom für Datencenter künftig zu 100% aus erneuerbarer Energie zu beziehen. Wie wollen Sie das erreichen?
Dies muss mittels neuer, noch nicht bestehender Energie geschehen. Strom-Zertifikate funktionieren nicht. Sie verändern die Buchhaltung, aber nicht die Stromversorgung. Deshalb kaufen wir über zwei GW Strom von noch nicht gebauten Wind- und Solarparks. Heute liegt unser Anteil an Erneuerbaren erst bei 37%, weil viele der Parks noch im Bau sind. In den nächsten drei Jahren wird er aber stark steigen. Beim Rest kompensieren wir das CO2 über Projekte, die etwa Methan in Abfallgruben abfangen.

Wann werden Sie bei 100% sein?
Das ist schwer zu sagen, weil wir auch in Südamerika und in Asien Rechenzentren haben. In Chile haben wir dazu beigetragen, dass die erste industrielle Solarfarm gebaut wird. Steht die Anlage, werden wir dort zu 100% erneuerbare Energien einsetzen. In unseren Datencentern in Taiwan oder Singapur haben wir aber noch nichts. In Taiwan gibt es weder Wind- noch Solarstrom, deshalb kann ich kein Datum nennen.

Dann benötigen Sie dort weiterhin fossile und nukleare Energie?
Wir kaufen ein, was da ist. Das Thema erneuerbare Energie liegt in Taiwan nicht völlig unter unserer Kontrolle. Wir müssen mit den Elektrizitätsgesellschaften und der Regierung zusammenarbeiten.

Wie viel CO2 braucht eine Google Suche oder eine Google-Mail noch?
2009 verbrauchten sie als intensiver Google-Nutzer etwa so viel CO2, wie wenn sie pro Monat einen Kilometer Auto fahren. Heute ist es weniger, da wir für die gleiche Rechnerleistung nur noch einen Drittel des Stroms brauchen.

Sie sind jetzt schon seit 1999 bei Google. Würde Sie da nicht eine neue Herausforderung reizen?
Ich habe jedes Jahr eine andere Herausforderung, was die Spannung hoch hält. Ich habe mich schon lange vor Google für skalierbare IT-Infrastrukturen interessiert. Es ist mein Traumjob. Und was mich dabei hält, ist, dass wir ganz, ganz vorne dabei sind beim Erfinden der neuen Welt. Das klingt jetzt etwas amerikanisch, aber es finden im technischen Gebiet viele Umwälzungen im Bereich Cloud statt. Wir haben sehr tolle Mitarbeiter – auch hier in Zürich –, eine kollegiale Atmosphäre und es macht wirklich Spass zu arbeiten.

Ende November hat Google ein Rahmenabkommens mit der ETH unterschrieben. Was bringt es?
Wir freuen uns über die Partnerschaft mit der ETH, welche die erste dieser Art in Europa ist. Das Rahmenabkommen erlaubt es uns, den Papierkrieg für einzelne Forschungsprojekte zu minimalisieren. Wir haben auch schon bisher einiges mit der ETH gemacht: Momentan sind vier Forschungsprojekte am Laufen.
Quelle und gesamter Artikel: www.nzz.ch


von:  Marco Metzler - Neue Zürcher Zeitung


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